Gabelsbergerstraße

Dieser Bericht erschien am 15. November 2021 im "Dieburger Anzeiger".


Franz X GabelsbergFranz X. GabelsbergFranz Xaver Gabelsberger war der Sohn eines Hofblasinstrumentenherstellers aus München. Seine schöne Stimme brachte ihn als Singknaben ins Kloster zu Attl und zu Ottobeuren. Nach der Säkularisation 1804 entwickelte er dank seiner guten Kenntnis der lateinischen Sprache eine gute Handschrift und avancierte über das Sekretariatswesen zum Geheimen Kanzlist.
Schon früh interessierte sich Gabelsberger für alles, was mit dem Schreiben zusammenhing. So stellte er Schreibvorlagen für den Schulgebrauch her, übte das Lithografieren, erfand eine Rechentafel, beschäftigte sich mit Geheim- und Weltschrift, Chiffrier- und Gedächtniskunst. 1817 fing Gabelsberger an, sich aus freier Idee mit der Ermittlung einer Schnellschrift zu befassen, um etwa einem höheren Staatsbeamten zur Erleichterung seiner Geschäfte dienstbar zu sein. Er wurde der Begründer der kursiven Stenografie. Damit trat er für die Kurzschrift das Erbe einer mehr als tausendjährigen Schriftkultur an. Der eigentliche Ursprung der Kurzschrift geht gar auf die Keilschrift und die Wandmalereien von Symbolfiguren der Höhlenmenschen zurück. 
Da Gabelsberger zur Kurzschrift auch noch eine Schnellschrift schaffen wollte, musste er die Langschrift verkürzen, ohne deren wertvolle Eigenschaften zu schädigen. Er erreichte dies mit einer symbolischen Vokalisierung, einer sinnbildlichen Bezeichnung der Selbstlaute, die er der Aussprache der Worte anpasste. Gabelsberger wusste, dass in England und Frankreich bei der Aufnahme der parlamentarischen Verhandlungen Stenografen tätig waren und sah so als Ziel seiner Bestrebungen die Schaffung einer Redezeichenkunst. In diesem Bestreben erschuf er auch sein eigenes Alphabet.
Die nachfolgende Entwicklung der Kurzschrift hat die Grundzüge der gabelsbergischen Verkürzungen der Langschrift stets als Grundlage übernommen. Alle seine Vorarbeiten fasste Gabelsberger in seiner ‚Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst oder Stenographie‘ zusammen. In ganzer Breite führt Gabelsberger nicht bloß die von ihm geschaffene Schrift vor, sondern auch seine Ideen zu ihr. So konnte Gabelsbergers ‚Anleitung‘ die unbestrittene Grundlage der deutschen Kurzschrift werden. Ja, diese Schrift wurde die Urform des größten Teils der europäischen Stenografie.
Die Vermittlung der Deutschen Einheitskurzschrift von 1924 bildete in den kaufmännischen Berufsschulen für Büroberufe ein Hauptfach. In Kursen der Volkshochschule konnte man seine stenografischen Fertigkeiten festigen und erweitern. In den 1990er Jahren wurde jedoch diese Schreibfertigkeit durch das angehende Computerzeitalter verdrängt und wird heute fast nicht mehr vermittelt. Doch Parlamentsstenografen sind auch heute noch im Einsatz. Ihm zu Ehren erhielt die Gabelsbergerstraße in Dieburg seinen Namen.
(Aus ‚Geschichte der Kurzschrift‘, D. Dr. Arthur Mentz, Heckners Verlag, Wolfenbüttel)